50 Jahre Sozialwissenschaftliches Gymnasium am „Elly“

Von der Frauenbildung zum Flaggschiff für politische Bildung

Das Weidener Elly-Heuss-Gymnasium gehörte 1965, vormals als „Städtisches Mädchenrealgymnasium“, zu den damals nur 27 Gründerschulen. Inzwischen hat das Sozialwissenschaftliche Gymnasium eine erstaunliche Karriere gemacht. Seine Entwicklung ist auch eng mit der Weidener Schulgeschichte verbunden. War der Zweig anfangs vor allem „Schule der Frauenbildung“, so wurde er seit den Neunzigerjahren zum Flaggschiff für politische Bildung und soziales Lernen. Seine lebenspraktische Orientierung machte ihn zudem zum Vorreiter für manche Entwicklung in der bayerischen Schullandschaft.

Ihn kennen noch heute Generationen von Schülerinnen des Elly-Heuss-Gymnasiums: Chemielehrer Robert Müllbauer hatte mit seinem Fach bis weit in die Siebzigerjahre z. T. „Fächer der Frauenbildung“ zu ergänzen, z. B. mit den Themen Nahrungsmittellehre, Backtriebmittel, Waschmittel oder Pflege von Porzellan und Emaille. Leicht süffisant bemerkte eine Kollegin schon im Jahr 1966: Bei den Mädchen spüre sie „ein gewisses Interesse für Chemie, allerdings mehr für `Knalleffekte´ als für hauswirtschaftliche Themen

Ein „Gymnasium für Mädchen“ als emanzipatorischer Akt?

Von heute aus gesehen war es Mitte der 60er Jahre wohl die einzige erfolgversprechende Möglichkeit, das Begabungspotenzial der Mädchen für das Gymnasium und für akademische Berufe nutzbar zu machen. Ausgelöst wurden die Bemühungen u. a. 1964 von Georg Pichts Szenario einer „Bildungskatastrophe“. Die Mädchenbildung lag vorher fast ausschließlich in kirchlichen oder städtischen Schulen, Mädchen waren am Gymnasium und bei akademischen Berufen stark unterrepräsentiert. Es mag paradox erscheinen: Aber die Einführung eines eigenen Mädchenzweigs mit dem Ziel, das katholische Arbeitermädchen vom Land für den gymnasialen Weg zu gewinnen, war ein wichtiger Versuch, Bildungswege unabhängig von Milieu und Geschlecht zu eröffnen. Insofern darf man sogar von einem emanzipatorischen Akt sprechen. Er hatte Erfolg – vor allem in ländlichen Regionen und eben auch in der nördlichen Oberpfalz.

Das Kultusministerium konzipierte nach Anregungen aus Mädchengymnasien einen eigenen Zweig. Begründung: Bislang würden die Höheren Schulen den spezifischen Bildungsbedürfnissen der Mädchen nicht gerecht. Zudem verlange die Bayerische Verfassung in Artikel 131 die Unterweisung von Mädchen in Säuglingspflege, Kindererziehung und Hauswirtschaft. Dies gelte besonders für Frauen, die einen akademischen Beruf ergreifen und die Aufgabe einer Familienmutter erfüllen wollen. Ausgestaltet war der Zweig, der von Anfang an zur allgemeinen Hochschulreife führte, mit „mädchenspezifischen Fächern“ wie Soziallehre, Erziehungslehre und Haushaltslehre. Außerdem sollten z. B.  Chemie oder Biologie alle Querverbindungen nutzen, so der Lehrplan, bei denen „das natürliche Interesse der Mädchen angesprochen ist.“

Loslösung von der Mädchenorientierung in den 80er Jahren

Nach 20 Jahren mit dem Schwerpunkt der „Fächer der Frauenbildung“ brachte 1985 ein Urteil des Bayerischen Verfassungsgerichtshofs einen Einschnitt. Die Klage einer Mutter zielte darauf ab, die Sonderstellung des Zweigs nur für Mädchen als unvereinbar mit dem Gleichheitsgrundsatz erklären zu lassen. Die Richter gaben ihr recht, ab dem Schuljahr 1986/87 erhielten Jungen an vielen Schulen Zugang zum Sozialwissenschaftlichen Zweig.

Das Elly-Heuss-Gymnasium blieb der Tradition eines Mädchengymnasiums trotzdem treu – bis heute. Mit dem Urteil war allerdings die frühere, mädchenorientierte Ausrichtung als Grundlage zerbrochen. Sozialkunde als Profilfach war längst anerkannt, problematisch war jedoch das zweite Fach Hauswirtschaftslehre. Es transportierte nach wie vor die Botschaft, der Zweig bereite auf ein Leben als Hausfrau und Mutter vor. Dass das Fach mit Gesundheit, Ernährung oder Verbraucherverhalten damals schon Lebensnähe und wertvolle Alltagskompetenzen vermittelte, wurde geflissentlich übersehen.

Gefordert wurde ab 1987 von den Schulen eine Neuprofilierung, u. a. über eine erweiterte Interpretation des Begriffs „Sozial-“ mit stärkerer soziologischer und politischer Perspektive. Zeitverzögert reagierte das Kultusministerium und konzipierte 1990 ein neues Fach für die Jahrgangsstufe 11. „Sozialpraktische Grundbildung“  sollte die Beschränkung auf den `pflegerischen´ Bereich vermeiden und Theorie und Praxis verbinden. Zehn Jahre später wurde auf Drängen der Gymnasien das Fach für die gesamte Mittelstufe übernommen. Die Lehrkräfte sahen sich neuen Themen gegenüber: Ökologie und Biotechnik, Informationstechnologie sowie vielen Bezügen zu Psychologie, Pädagogik, Soziologie oder Sozialpsychologie.

Einer der Sprecher der Direktoren, Armin Hackl vom Olympia-Morata-Gymnasium Schweinfurt, sah anlässlich eines SWG-Jubiläums am Ursulinen-Gymnasium Straubing im Jahr 2000 in dieser Entwicklung einen „mutigen Schritt hinaus aus der Begrenzung der tradierten Mädchenbildung hinein in die Sozialisation der Jungen“. Auftrag des SWG sei es, die Mädchen zu stärken und Jungen in diesem Sinne zu sozialisieren. Sein Gymnasium hatte wie die Ursulinen diese Entwicklung mit vorangetrieben:

„Wir beglückwünschen dieses Ihr Gymnasium auch zur Kraft, die es braucht, sich von einer lange gepflegten Mädchenbildungstradition, die sich vor allem in Hauswirtschaft und Handarbeit zeigte – zu ihrer Zeit der „Brautpreis“ für eine höhere Bildung für Mädchen überhaupt – zu verabschieden. Die Änderungen in den Modellversuchen des SWG […] lösen sich nicht vom speziellen Bildungsauftrag dieser Art des Gymnasiums. Sie geben ihr mit der Gewichtung sozialwissenschaftlicher Themen und einer Vertiefung der politischen Bildung eine aktuelle, mehr denn je notwendig gewordene Bedeutung. […] Es (das SWG) bleibt aber auch der emanzipatorischen Tradition insofern verpflichtet, als es in den Praktika, in den teamorientierten Arbeitsformen humane Qualitäten, Empathie, Sensibilität und Gesprächsfähigkeit in besonderer Weise pflegt.“

Das Elly-Heuss-Gymnasium hatte sich früh in alle Modernisierungsbemühungen eingeschaltet, wurde wiederholt Modellschule, lieferte Vorschläge, strukturierte die Mittelstufe um und beteiligte sich mit Fachlehrkräften in verschiedenen Kommissionen an der Weiterentwicklung des Zweigs. Die Umstellungen trafen nicht alle auf ungeteilte Zustimmung, musste man doch auf manch liebgewordene, mitunter aber verzopfte Tradition verzichten. Insgesamt schufen die Veränderungen dem Zweig eine neue attraktive Legitimationsgrundlage.

Verlust des Leistungskurses Sozialkunde im G8

Der rasche Wechsel zum achtjährigen Gymnasium ab 2004 brachte für das SWG, jetzt WSG-S („Wirtschafts- und Sozialwissenschaftliches Gymnasium mit sozialwissenschaftlicher Orientierung“), eine neue Situation. Fächer, Inhalte und Praktika treffen seitdem auf jüngere Lernende. Wenn die Lehrkraft Aktualität in den Unterricht hereinholen, Debatten anstoßen oder den Politikkreislauf an einem Beispiel behandeln will, erfordert dies mehr Anstrengungen, leben doch viele mit Vierzehnjährige in ihrer sehr ich-bezogenen und  privaten Informationsblase. Die Themen in Sozialkunde und Sozialpraktischer Grundbildung sind andererseits stark lebensweltbezogen, jugendnah und erlauben viel Nähe zu aktuellen politischen und gesellschaftspolitischen Fragen. Eine Vertiefung von Inhalten wie vordem im Leistungskurs Sozialkunde in der Oberstufe ist so jedoch nicht mehr möglich. Es blieb gerade noch die Wahlmöglichkeit für die zweistündige Sozialkunde und den Kurs Sozialwissenschaftliche Arbeitsfelder.

Lebensnähe und politische Bildung als Markenzeichen

Charakteristika des Zweigs, den heute in Bayern über 50 Gymnasien angegliedert haben, sind seine lebenspraktische Orientierung wie auch seine Schwerpunkte bei politischer Bildung und sozialem Lernen. Mit bis zu fünf Wochenstunden vermitteln die Profilfächer in jeder Mittelstufenklasse Grundlagen und Zusammenhänge in Politik und Gesellschaft. Rechnet man andere gesellschaftswissenschaftliche Fächer wie Geschichte, Wirtschaft/Recht oder Geografie dazu, so können sich junge Leute ab der 8. Klasse eine solide und umfassende Basis erarbeiten. Sie mag Fundament sein für eine Vielzahl von Studiengängen und Berufen, ist aber allgemein wichtiger Bestandteil für Persönlichkeitsentwicklung und Weltoffenheit. Als einziger gymnasialer Zweig fordert er Pflichtpraktika, die im Unterricht vor- und nachbereitet werden. U. a. öffnen die Praktika den Blick in die Wirklichkeit, in die Ernsthaftigkeit des Berufslebens, in seine Anforderungen und Rahmenbedingungen. Vielleicht trifft es das Urteil eines Vaters gut, der über seine Tochter nach dem Praktikum sagte: „Marie kommt mir jetzt erwachsener vor, sie scheint einen ganzen Kopf größer geworden zu sein.“

Mehrheit siegt…. Einen Schultag berieten diese 10. Klassen im Rahmen des Planspiels „Der Landtag sind wir“, inwieweit Videoüberwachung in öffentlichen Räumen gesetzlich stärker geregelt werden sollte. Im Bild die Schlussabstimmung: Konsternierte Gesichter bei der Opposition: Keiner ihrer Änderungsanträge fand bei der Plenumsmehrheit Zustimmung. Natürlich können Planspiele an jeder Schule gespielt werden. Am WSG-S besteht die Chance, die im Kernfach Sozialkunde in der gesamten Mittelstufe erworbenen Kompetenzen beim Planspiel anzuwenden, es intensiv vor- und nachzubereiten

Das WSG-S heute: Stärken und Perspektiven

Das WSG-S bot stets auch Kindern eine Chance, deren Eltern zunächst eine gymnasiale Ausbildung als zu theoretisch und alltagsfremd einschätzten. Insofern mag der Zweig mit seiner besonderen Nähe zur sozialen Wirklichkeit auch einen erheblichen Beitrag geliefert haben und noch liefern, Bildungs- und Begabungsreserven zu erschließen, und dies unabhängig von Milieu und Geschlecht. Und er setzt wohl auch einen Gegenpol zu einem öffentlichen Meinungsmainstream, der mitunter übermäßig auf Leistung, Konkurrenz und Messbarkeit setzt – als den vermeintlichen Insignien der Vernunft. Und sozialen Kompetenzen wird in einer stark ökonomisch orientierten und durchgetakteten Welt nicht automatisch ein hoher Wert zugeschrieben. Hier hat der Zweig seine Stärken und Erfolge. Und selbst in der Frage der Alltagskompetenzen war das WSG-S immer Vorreiter. Megathemen wie Gesundheit, Ernährung, Erziehungs- und Entwicklungsfragen und Lebensweltorientierung fördern die politische und soziale Sozialisation.

Auch trifft das Unterrichtsprinzip politische Bildung am WSG-S tendenziell öfter auf Verständnis, Grundwissen und Widerhall. Als fachübergreifendes Erziehungs- und Bildungsziel hat es hier bessere Chancen, in anderen Fächern wie etwa Geografie oder Wirtschaft und Recht berücksichtigt zu werden. Dass politische Bildung auch in anderen Zweigen und Fächern geleistet wird, ist dabei unbestritten. Am Sozialwissenschaftlichen Zweig gehört sie zum Markenkern.

Im Zuge der abklingenden PISA-Debatte wird deutlich, dass Messbarkeit und Vergleichbarkeit als Kriterien möglicherweise überbewertet wurden. Einer Test-Euphorie hat sich der Zweig ohnehin stets entzogen.

Es mehren sich Stimmen, die den Bildungsgehalt des Gymnasiums und den Beitrag zur Persönlichkeitsbildung Jugendlicher verstärkt wertschätzen. Bei vielen Zukunftsfeldern bewies das WSG-S frühzeitig Modernität. Auch künftig hat der Zweig voraussichtlich neue Megathemen im Lehrplan der Oberstufe, so z. B. „Zeit als  soziale Dimension“, „Nachhaltigkeit als Handlungsprinzip“ oder „Interkulturalität“.

Eine 9. Klasse hier im Rahmen des Fachs Sozialkunde bei der Organisation einer „Juniorwahl“(hier Europawahlen 2014) für die Jahrgangsstufen 9 bis 11 am Elly-Heuss-Gymnasium. Der Sozialkundeunterricht bot Methoden und vor allem Zeit für Vorbereitung und Durchführung. Bei einer Wahlbeteiligung von rd. 80% konnten hier auch 15-Jährige Abläufe und Verfahren der demokratischen Legitimation erleben. Schöner Begleitnutzen übrigens die Neugier von Siebtklässlerinnen in der Aula: Wie… und warum dürfen wir nicht? Und worum geht´s da eigentlich?

 

Mit dem Sinken der Wahlbeteiligung wird auch der Ruf nach mehr politischer Bildung laut.

Eine oftmals diskutierte und in manchen Bundesländern schon angegangene Senkung des Wahlalters auf 16 Jahre erfordert eine frühe Beschäftigung mit politischen, sozialen und gesellschaftspolitischen Themen und schafft ganz neue Bedarfe an schulischer politischer Bildung. Auch hier ist das WSG-S Vorreiter und Muster. Solide politische Bildung braucht Fachunterricht mit guter Stundenausstattung, hohem Niveau und professionellem Unterricht. Die über 50 WSG-S-Gymnasien in Bayern haben ein hohes Potenzial, diesen Ansprüchen gerecht zu werden.

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