Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage

Dr. Jack Terry: „Die Zivilisation ist ein ganz dünner Firnis über der menschlichen Natur“

Einen geeigneteren Paten kann man sich nicht denken: Aufrüttelnd, berührend und ergreifend waren die Worte von Dr. Jack Terry bei der Titelverleihung „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ im Juli 2012

Das Elly-Heuss-Gymnasium ist seit 2012 Mitglied des größten Schulnetzwerkes Deutschlands: “Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage”. Inzwischen dürfen sich 2000 deutschlandweit Schulen diesem Netzwerk zugehörig fühlen.

Im Rahmen der Bewerbung um den Titel sollte sich die Schule um einen geeigneten Paten bemühen. Die Schülerinnen des P-Seminars, das sich damals dieser Aufgabe angenommen hatte, konnte schließlich Dr. Jack Terry als Paten für das Amt gewinnen. Im Rahmen der Titelvergabe am 25. Juli 2012 am Elly-Heuss-Gymnasium hob Dr. Jack Terry mit äußerst berührenden Worten, die er an die gesamte versammelte Schulgemeinschaft richtete, die besondere Bedeutung des Titels „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“ hervor und würdigte so das Engagement der Schülerinnen sowie der gesamten Schulfamilie, die sich seitdem verpflichtet, jeglicher Form von Diskriminierung, Mobbing und Gewalt verstärkt aktiv entgegenzutreten und bewusst für eine vielfältige und offene Schule und Gesellschaft einzutreten. Niemand soll wegen seiner/ihrer Religion, sozialen Herkunft, des Geschlechts, körperlicher Merkmale, der politischen Weltanschauung oder der sexuellen Orientierung benachteiligt oder schlechter behandelt werden.

Im Folgenden werden einige wesentliche Stationen im Leben von Dr. Jack Terry anhand von Auszügen aus Interviews vorgestellt, die Jack Terry mit dem Bayerischen Rundfunkt geführt hat.

Aufgewachsen ist Jack Terrry in Belzyce, einer kleinen Stadt bei Lublin in Polen. Er war eines von vier Kindern einer jüdischen Familie. Der Vater war Kaufmann, die Mutter machte den Haushalt und Jack ging zur Schule. Alles änderte sich schlagartig mit dem Einmarsch der Deutschen im Jahr 1939. Schritt für Schritt wurde das Leben der polnischen Juden zur Hölle, nicht nur, weil sie jetzt den Judenstern tragen mussten:

„Juden war es verboten, Fleisch zu essen. Juden war es verboten, weißes Brot zu essen. Nach dem Ende der dritten Klasse durfte ich nicht mehr zur Schule gehen. Deshalb fing ich an, die Stiefel der deutschen Soldaten zu putzen. Dafür bekam ich ein Eck von dem harten, viereckigen Brot, das die Deutschen aßen. Die Deutschen begannen dann, die jüdischen Läden zu plündern. Sie nahmen alles mit, und ich erinnere mich daran, dass sie einen Zettel hinterließen, auf dem stand: „Die Ware ist mein. Der Zettel ist dein. Wenn der Krieg zu Ende ist, wird alles gut sein.“ Das bekam man für die Sachen, die sie mitgenommen hatten.“

Im Alter von 13 Jahren wurde der Junge mit seinen nächsten Angehörigen ins Lager Budzyn deportiert. In Budzyn mussten die Häftlinge Flugzeuge für die Firma Heinkel bauen. Als die Rote Armee näher kam, wurden sie zunächst nach Wieliczka gebracht und dort in einer unterirdischen Salzmine wieder in der Flugzeugproduktion eingesetzt. Doch die Sowjets rückten weiter vor, und schließlich hieß für die Häftlinge das Ziel Flossenbürg, ein Konzentrationslager im Oberpfälzer Wald, unmittelbar an der tschechischen Grenze. In Güterwaggons kamen sie Anfang August 1944 dort an:

„Neben dem ständigen Terror und der Angst waren vor allem der Hunger und die erbarmungslose Kälte in Flossenbürg sehr schlimm. Besonders wenn man bei dem kalten Wind nicht richtig angezogen war und kein Fett und keine Muskeln hatte. Ich wog bei der Befreiung 34 Kilo. Wir mussten bei jedem Wetter, bei Kälte, Regen und Schnee, stundenlang auf dem Appellplatz stehen. Die SS war gut angezogen, hatte Stiefel. Wir hatten nichts, keine Mäntel, keine Pullover. Als ich im August ankam, mussten wir im Zugangslager bei extremer Hitze völlig nackt herumlaufen. Als ich meinen Kopf anfasste, war er total geschwollen und ich konnte meine Finger in meine Kopfhaut drücken. Im Lager hatte man große Angst davor, krank oder verletzt zu werden, weil man keine Chance hatte, sich wieder zu erholen. Dann konnte man sich von dieser Welt verabschieden. Das Ziel war, uns zu zerstören.“

Zunächst musste Jack Terry in den gefürchteten Steinbruch:

„Oh, im Steinbruch wäre ich nach noch einer Woche oder zwei Wochen gestorben. Es war unmöglich. Ich war viel zu klein und zu schwach, um die schweren Steine zu schleppen. Ich glaube, ich habe im Steinbruch nur eine Woche gearbeitet. An meinen Fingern war die Haut völlig abgeschürft, ich konnte nichts mehr anfassen. Dann arbeitete ich bei Messerschmitt, wir machten die Oberklappe und die Unterklappe der Flugzeugflügel.“

Die letzten drei Monate wurde er in der Häftlingswäscherei eingesetzt, was sein Los erleichterte. […]

„Ja, es war ein guter Job. Es war gut, weil da zwei Ungarn waren, ein General und ein Minister, die in der Wäscherei arbeiteten. Sie aßen ihr Essen nicht, sondern gaben es mir und ich gab es meinen Freunden. Deshalb war es dort viel besser.“

Seit 1995 kehren zum Jahrestag der Befreiung des KZs ehemalige Häftlinge zu einem gemeinsamen Treffen nach Flossenbürg zurück. Seither kommt auch Jack Terry jedes Jahr an diesen Ort, diskutiert mit Jugendlichen und engagiert sich bei der Neugestaltung der Gedenkstätte

Flossenbürg war kein Vernichtungslager, aber ein Menschenleben zählte auch hier nichts. Geplant war das KZ ursprünglich für 5.000 Häftlinge, untergebracht waren dort schließlich 15.000. Die Zustände spotteten aufgrund der Überfüllung jeder Beschreibung. Der Tod sei immer präsent gewesen, so beschreibt Jack Terry die damaligen Lebensumstände im Lager.

Als die U.S. Army näher rückte, trieb die SS die Häftlinge aus Flossenbürg nach Süden, in Richtung Dachau. Diese Todesmärsche waren das blutigste Kapitel der Lagergeschichte, etwa 7.000 der zuletzt 15.000 Häftlinge überlebten diese Evakuierung nicht. Zuerst fielen die jüdischen Inhaftierten der Räumung des Lagers zum Opfer. Jack Terry entkam jedoch der SS, weil alte Häftlinge den 15-Jährigen in einem unterirdischen Gang versteckten. […] Jack Terry überlebte als einziger seiner Familie den Holocaust. Als die U.S. Army in Flossenbürg ankam, war er der jüngste Häftling.

„Der 23. April 1945 ist einer der wichtigsten Tage in meinem Leben. Das war der Tag, an dem die Amerikaner das Konzentrationslager Flossenbürg befreiten. Aber für mich war es der traurigste Tag in meinem Leben. Das erste Mal konnte ich darüber nachdenken, wer ich war und was ich verloren hatte. Es war das erste Mal, dass ich nicht darüber nachdenken musste, wo ich das nächste Stück Brot her bekomme.“

Mit der Befreiung von Flossenbürg durch die amerikanischen Streitkräfte zwei Wochen vor dem Ende des Krieges in Europa endeten für Jack die Jahre des täglichen Grauens. Ein Colonel der U.S. Army nahm sich des Waisenjungen an und nahm ihn mit in die Vereinigten Staaten. Bei ihm fand er wieder so etwas wie eine Familie. Als Jack amerikanischen Boden betrat, trug er noch die in seinem Arm eintätowierten Großbuchstaben KL, die ihn als Häftling eines deutschen Konzentrationslagers auswiesen.

In den USA studierte Jack Terry Geologie. Als Soldat wurde er nach seinem Studium in den 50er Jahren in Heidelberg stationiert. Plötzlich durfte er in Deutschland die besten Restaurants besuchen – für ihn eine kleine Genugtuung.

Der ehemalige Häftling konnte die Lager nicht so schnell vergessen. Grundsätzliche Fragen der menschlichen Psyche beschäftigten ihn mehr und mehr. Den Anstoß, seinen Beruf zu wechseln und Psychiater zu werden, erhielt er, als er im Dschungel von Venezuela als Geologe unterwegs war. Auf dieser Reise wurde er mit einer Szene konfrontiert, die er nicht begreifen konnte, aber begreifen wollte:

„Der Grund, warum ich Psychoanalytiker wurde, war, dass ich herausfinden wollte, warum Menschen das taten, was ich gesehen hatte. Eines der Bilder, die immer wieder in meinem Gedächtnis auftauchten, war der Appellplatz in Flossenbürg. Als ich hier ankam, sah ich Menschen, die aufeinander lagen, und ich verstand nicht, was vor sich ging. Schließlich fand ich heraus, dass ganz unten ein Muselmann [Bezeichnung für einen Menschen, der kurz vor seinem Tod stand] lag, der ein Stück Brot in der Hand hatte: Jeder versuchte, dieses Stück Brot zu bekommen. Ich konnte mir einfach nicht vorstellen, dass jemand einem Sterbenden ein Stück Brot wegnehmen würde. Dieses Bild tauchte immer wieder vor meinen Augen auf. Das war der Grund, warum ich Psychiater wurde: Ich wollte herausfinden, warum Menschen tun, was sie tun.“

Zu den Patienten des New Yorker Psychiaters gehörten auch ehemalige KZ-Häftlinge. Seine persönlichen Erfahrungen halfen ihm, sich in ihre Situation einzufühlen. Für die meisten war es ein großes Problem, dass sie keine Zeit gehabt hatten, um ihre Angehörigen zu trauern, weil der Kampf um das eigene Überleben in den Lagern ihre ganze Aufmerksamkeit verlangt hatte.

Ein anderes Problem, das den Psychiater häufig beschäftigte, war der Schaden, den das Selbstwertgefühl der Häftlinge im Lager genommen hatte:

„Mein Blockältester Gieselmann, Karl Friedrich Alois Gieselmann, nannte jeden von uns Drecksack. Um mich zu schlagen, zog er seine Lederhandschuhe an, damit seine Haut nicht meine Haut berührte. Nach einiger Zeit beginnt man sich dann als Drecksack zu fühlen. Wie kann man sich davon erholen? Wie kann man wieder ein Selbstwertgefühl wie ein normaler Mensch bekommen?“

Bis heute ist für ihn eine derartige Grausamkeit nicht verstehbar. „Die Zivilisation ist ein ganz dünner Firnis über der menschlichen Natur.“ Diesen Satz eines seiner Patienten hat er sich zu eigen gemacht. Eine befriedigende Antwort fand er allerdings nie.

„Nein. Ich wünschte, ich könnte es verstehen. Das Einzige, was ich tun kann, ist, William Blake, den englischen Dichter, zu zitieren, der sagte: „Grausamkeit hat ein menschliches Herz.“ Nein, ich habe keine Antwort darauf. Ich möchte auch Tadeusz Borowski zitieren, der sagte: „Wir haben nie gelernt, wie man aufhört zu hoffen.“ Das habe ich in seinem Buch „This Way to the Gas, Ladies and Gentlemen“ gelesen. Er war ein junger polnischer Dichter und als Häftling in Auschwitz. Einige Jahre nach der Befreiung beging er Selbstmord. Nein, es gab keine Hoffnung mehr. Der einzige Gedanke war, wie man von einer Minute zur nächsten überleben konnte. Borowski gibt dafür ein Beispiel. Er beschreibt, wie in Auschwitz Leute vom Bahnhof zur Gaskammer gingen. Ein Mann fiel hin und ein Wachposten sagte zu ihm: „Steh auf oder ich erschieße dich!“ Der Mann stand auf und ging die letzten 100 Meter in die Gaskammer. Der Wille, zu überleben, gehört wie ein fast tierischer Trieb zur menschlichen Natur.“

Religiös ist Jack Terry nicht mehr. Er hat drei Kinder. Sie sind nicht religiös aufgewachsen, alle drei haben nichtjüdische Partner. Jack Terry selbst verlor den Glauben an Gott im KZ.

„Ich verlor den Glauben an Gott in Flossenbürg. Er hatte mich zuvor verlassen. Deshalb verließ ich ihn. Nach Flossenbürg war ich überzeugt, dass es keinen Gott gibt. Wie kann es einen Gott geben, wenn so etwas geschehen kann? Wenn sie kleine Kinder nehmen, gegen die Wand werfen und erschießen? Wenn es einen Gott gäbe, wäre das nicht passiert.“

Im Jahre 1995 kehrten zum 50. Jahrestag der Befreiung des KZs erstmals ehemalige Häftlinge zu einem gemeinsamen Treffen nach Flossenbürg zurück. Seither kommt Jack Terry jedes Jahr an diesen Ort, diskutiert mit Jugendlichen und engagiert sich bei der Neugestaltung der Gedenkstätte.

„Es ist ein Ort, den ich immer gehasst habe. Es ist ein Ort, von dem ich wünschte, er hätte nie existiert. Es ist ein Ort, von dem ich wünschte, dass er zerstört werden würde. Aber jetzt komme ich zurück und wünsche mir, dass der Ort erhalten bleibt. Und das ist sehr wichtig – nicht nur für Deutschland, sondern für ganz Europa, für die ganze Welt, damit die Leute hierher kommen und daraus lernen.“

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