Jeder von uns kann zur Keimzelle des Widerstands und der Zivilcourage werden

Das war in der Tat keine einfache Kost, was die Schülerinnen und Schüler des Görres-Gymnasiums aus Düsseldorf am diesjährigen Holocaust-Gedenktag am 26. Januar 2017 in der KZ-Gedenkstätte Flossenbürg ihren Besuchern abverlangten.

In Anlehnung an Hans Falladas Roman Jeder stirbt für sich allein brachte die Gruppe ihr Stück „Der Schlaf des Vergessens gebiert Ungeheuer“ auf die Bühne, das sie Dr. Jack Terry gewidmet hatten, dem jüngsten Überlebenden des KZ-Flossenbürg. Zutiefst berührt durch den Besuch von Jack Terry an der Schule und gleichzeitig beunruhigt von den Nachrichten über diskriminierende und gewalttätige Vorfälle in Deutschland suchte die Theatergruppe einen Weg, ihr eigenes Unbehagen und die Notwendigkeit von Widerstand und Zivilcourage zum Ausdruck zu bringen.

Im Stück verlieren die Quangels im 2. Weltkrieg ihren Sohn und von da an werden sie, die vormals mit ihrer Zurückhaltung und Unreflektiertheit sozusagen als Mitläufer das System unterstützt hatten, zu überzeugten Widerstandskämpfern – nicht laut, aber doch so, dass die Gestapo auf sie aufmerksam wird. Sie hinterlassen in der Stadt Botschaften auf Postkarten geschrieben, mit denen sie die Bevölkerung wachrütteln und das Regime entlarven wollen. Sie werden gestellt und kurz vor ihrer Hinrichtung erfahren sie, dass von den insgesamt 285 Postkarten 267 direkt bei der Gestapo abgegeben wurden. Ihre Hoffnung liegt nun ganz auf den 18 nicht abgegebenen Karten: Sie stehen symbolisch für die Hoffnung, dass auf die Empfänger so oder so ein Funken Zweifel übertragen werden konnte, der eine Keimzelle für einen überzeugten Widerstand werden kann.

Es ist offensichtlich, dass das Spiel der Schülerinnen und Schüler die Anwesenden zutiefst beeindruckt. Besonderen Nachdruck verleihen die jungen Schauspieltalente ihrer Botschaft auch dadurch, dass sie die in der Vergangenheit angesiedelten Ereignisse mit ganz aktuellen Bezügen zu rechtspopulistischen Vorfällen und Gewalt in die Gegenwart manövrieren und das Publikum damit konfrontieren. Jeder Zuschauer und jede Zuschauerin stellt sich unweigerlich die Frage: Und was mache ich? Wär ich mutig genug, mich zu wehren oder für andere in schwierigen Situationen einzustehen? Wäre ich Mitläufer oder wäre ich Widerstandskämpfer?

Für eine der insgesamt 18 Schülerinnen der 10. Jahrgangsstufe des Elly-Heuss-Gymnasiums wurde diese Veranstaltung aus einem weiteren Grund zu einem ganz besonderen Ereignis: Miriam Schneeberger (10b) gehört der Schülerinnenzeitung an und konnte vor der Vorstellung ein Interview mit Jack Terry führen. Jack Terry ist seit 2012 der Schulpate des Elly-Heuss-Gymnasiums im Rahmen des Netzwerkes „Schule ohne Rassismus – Schule mit Courage“. Nach dem Interview ist Miriam selbst ganz gerührt: „Ich dachte nicht, dass ihn meine Fragen derart berühren und mitnehmen würden!“ Miriam fragte ihn beispielsweise nach seinen Erfahrungen und Gefühlen, als er als junger Offizier erstmals wieder nach Deutschland zurückgekehrt war. Es war offensichtlich, dass die Erinnerungen an diese Zeit sehr lebendig und schmerzhaft sind.