„Uhren verbieten, Kalender zerschlagen“

Riesenspaß mit Büchners „Leonce und Lena“ am Elly-Heuss-Gymnasium.

Für ihren diesjährigen Theaterabend hatte sich die Theatergruppe des Elly-Heuss-Gymnasiums „schwere leichte Kost“ vorgenommen: Büchners „Leonce und  Lena“, die Komödie aus dem 19. Jahrhundert mit der banalen und ach so vorhersehbaren Handlung.

Da soll ein Prinz aus politischen Gründen mit einer Prinzessin verheiratet werden, womit beide nicht einverstanden sind. Sie fliehen vom väterlichen Hof in die unsichere Freiheit, der Zufall führt sie zusammen, sie verlieben sich und halten sich am Ende doch in den Armen. Kein ordentlicher Konflikt, kein Blutvergießen, die Väter könnten mit ihren Kindern zufrieden sein.

Theaterspaß pur: Soll Lena (Nadine Hofmann) dem Rat ihrer urkomischen Gouvernanten (Monia Zimmermann, Lilija Kremenchuttskaya) folgen und vom Hof fliehen?

Und doch: Diese beiden jungen Leute erlauben sich „Null Bock“ auf ein vorgeplantes Leben und vorgefertigte Gedanken zu haben. Statt dessen grübeln sie melancholisch über ihr Woher und Wohin, hegen massive Zweifel am Sinn der Arbeit, wollen am Schluss sogar Uhren, Kalender und  Burnout unter Strafe stelle.  Das war dann plötzlich erstaunlich aktuell und den spielfreudigen Schülerinnen des Elly-Heuss-Gymnasiums offensichtlich nah genug. Jedenfalls gelang es ihnen unter der Leitung von Studienrätin Beate Fiedler hervorragend, Büchners beißende Gesellschaftskritik und die augenzwinkernde Utopie des Schlusses  mit Präzision und Schwung auf die Bühne zu bringen. Dabei war vor allem in den Hauptrollen viel sprachlich sehr anspruchsvoller Text zu lernen. Für die spielerische Umsetzung  konnten die Oberstufenschülerinnen alles einbringen, was sie sich an Theatertechnik in den letzten Jahren erarbeitet hatten.

Das Publikum freute sich über viele pfiffige Regieideen: das urkomische Gouvernantenduo (Monia Zimmermann, Lilija Kremenchuttskaya), das die verträumte Lena (Nadine Hofmann) spiegelt, der schwärmerische Leonce (Melissa Ihlow), ein hintergründig-valentinesker König (Anna-Maria Raja) oder die weiß geschminkte und damit eigentlich „gesichtslose“ Hofgesellschaft. Sonja Meiler hatte als Diener Valerio eine Paraderolle, nimmt Maske um Maske ab und weiß eigentlich selber nicht mehr, was für ein Mensch darunter steckt. Sehr gelungen und technisch phantasiereich umgesetzt war auch eine Liebesszene zwischen Prinz und Prinzessin: Mit filmischen Mitteln in Großaufnahme  Annäherung, Begegnung, Berührung und endlich  zärtliche Verschlingung zweier Hände.

Kurzum: Ein wunderschöner Theaterabend, der auch zeigte, wie es jenseits des allseits beklagten Schuldrucks gelingt, Spaß und Spielfreude lebendig zu erhalten. Und dazu noch der Beweis, dass man eine altersmäßig sehr heterogene Gruppe durch eine gemeinsame Aufgabe zu einem Team zusammenzuschweißen und damit so  nebenbei ein wesentliches Lernziel schulischer Bildung erreichen kann.